En Svensk Klassiker
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Vätternrunde - Unser Bericht vom 14./15. Juni 2013

Vor dem Start
Unsere direkte Vorbereitung für die vor uns liegenden 300 km begann schon einige Zeit vor dem Start. Wie die Tage zuvor haben wir auch die Ernährung unmittelbar vor der vor uns liegenden Herausforderung auf die Belastung ausgerichtet. Kohlenhydratreiche Nahrung bildete die Grundlage unseres Essens. Unmengen Kartoffeln, Nudeln und Hülsenfrüchte aßen wir bis hart an die Grenze unserer Toleranzschwelle und in Portionsgrößen über die Sättigung hinaus. Getreu dem Motte „Es soll nicht am Essen und an leeren Nährstoffreserven scheitern“ nahmen wir die erste kulinarische Hürde auf dem Weg zur Startlinie.
Bei der Startunterlagenabholung Donnerstagmittag waren viele deutsche Stimmen wahrzunehmen. Aus allen Ecken Deutschlands hatten sich Radfahrer aufgemacht und sammelten sich im Messezelt zum großen Souvenirshopping vor dem Rennen. Das obligatorische Vätternrunden-T-Shirt durfte in keiner Einkaufstasche fehlen. Nach den Schweden stellt Deutschland mittlerweile die zweitmeisten Teilnehmer bei der Vätternrunde.
Neben der Nahrungsaufnahme verbrachten wir den Tag zuvor mit Regeneration. Wellness in unserem Hotel stand auf dem Programm. Wir hatten das Glück, dass wir den Spa-Bereich komplett für uns alleine zur Verfügung gestellt bekamen und konnten den Saunabereich, Whirlpool, Infrarotsauna und die bequemen Liegen im Ruhebereich intensiv nutzen.

Freitagmorgen begann mit einem ausgiebigen Frühstück und das Carboloading fand seine Fortsetzung. Mit einer doppelten Portion Haferbrei starteten wir in den Tag bevor wir die letzten Vorbereitungen an unserem Material trafen. Inzwischen war das Hotel bis auf das letzte Zimmer mit vorwiegend norwegischen Radfahrern gefüllt, die sich überall im und vor dem Hotel auf das Event vorbereiteten.

Sorgfältig sortierten wir Satteltaschen, Mäntel und Schläuche, Lichter und unzählige Teile von Radbekleidung auf unserem Hotelbett. Intensiv diskutierten wir die besten Kombinationen an Kleidungsstücken, um warm, aber nicht zu warm und ggf. auch regengeschützt in jeder Phase des Rennens angezogen zu sein. Akribisch beobachteten wir unterschiedliche Apps auf unserem Handy um Temperaturen und Regenwahrscheinlichkeiten für den Abend, Nacht und Morgen zu analysieren und zu bewerten. Schlimmer können die Metereologen im Rahmen von Formel 1-Rennen die Wetterbeobachtung auch nicht betreiben wie wir in den Stunden vor dem Startschuss. Der Blick aus dem Fenster zeigte seit Donnerstag heftige Regenschauer, die unsere Erinnerung an die von uns bei Kilometer 230 abgebrochene Vorjahresveranstaltung aufleben ließen. Bei der Bewertung unterschiedlicher Quellen kristallisierte sich relativ stabil eine zwar trockene Veranstaltung, jedoch erheblicher Wind mit ca. 30 km/h heraus, der in Böen bis zu 50 km/h auffrischte. Dieser Wind sollte über die gesamte Zeit konstant stark bleiben.

Nach abgeschlossener Vorbereitung, anhaltendem Regen und gefühlt niedrigen Temperaturen brachen wir gegen Mittag vom Hotel gut acht Stunden vor dem Start nach Motala auf. Akribisch prüften wir dabei wiederholt, ob wir alle Ausrüstungsgegenstände dabei hatten. Wir hatten Glück bei unserer Suche nach einem guten Parkplatz und platzierten unser Teamfahrzeug Mitten in der Stadt. Die Essenssuche war relativ leicht, denn wiederum standen Pasta und Kartoffeln auf unserer Speisekarte. Stunde für Stunde füllte sich der große Park vor den Startboxen und die Aufregung aller Teilnehmer lag in der Luft. Insbesondere mitgereiste Partner, Kinder, Verwandte und Freunde vieler Teilnehmer konnten ihre Nervosität nur schwer unterdrücken. Von unserem Plan am Nachmittag noch ein paar Minuten im Auto zu schlafen verabschiedeten wir uns relativ schnell. Zu groß war die Aufregung und zu viel Adrenalin jagte durch unseren Körper.

Der Regen hatte mittlerweile aufgehört und gegen 16:30 Uhr begannen wir mit der heißen Phase unserer Vorbereitung. Die Satteltaschen wurden befestigt, die Lichter montiert, die Reifen nochmals mit ausreichend Luftdruck versorgt und ein kleiner Rucksack mit zusätzlichem Equipment wie z.B. langen Handschuhen gepackt. Um 17:30 Uhr verließen wir das Auto und wollten erst am kommenden Morgen dahin zurückkehren. Ein Käsebrötchen (schwedisch: moka) und ein Kaffee eine Stunde vor dem Start bildeten die letzte herzhafte Nahrungsgrundlage. Der Wind frische mächtig auf und die Windrichtung ließ auf den ersten knapp 100 Kilometern intensiven Gegenwind erwarten.

Aufbruch zur ersten Etappe Motala – Ödershög (0-47 km)
Ab 19:30 Uhr rollten die ersten Cyclisten über die Startlinie und nach schier entlosen Minuten und wachsender Anspannung ertönte um 19.46 endlich auch das Startsignal für uns. Mit einer persönlichen Verabschiedung an meine Frau und mich über die Lautsprecheranlage fuhren wir der Harley des lokalen Motorradclubs hinterher, dass jede Startgruppe langsam aus dem Zentrum bis an den Ortsrand Motalas begleitete. Zwischen der Startlinie und dem Ortsrand sammeln sich die vielen Zuschauer, die mit lauten „Heja, Heja“-Rufen und viel Applaus die Radfahrer auf die Strecke in die Nacht begleiten. Raus aus der Stadt war der Wind noch stärker zu spüren und so war klar, dass die ersten 100 Kilometer in Richtung Südspitze des Sees am heutigen Tag eine besondere Herausforderung werden würden.

Man gewinnt für die Vatternrunde auf den ersten Kilometern nichts, doch man kann alles verlieren. Gerade bei schwierigen Rahmenbedingungen wie hügeligem Gelände und starkem Wind kann ein zu schnelles Tempo für den weiteren Verlauf ein Problem darstellen. Ebenso die anfängliche Hektik, die in einer Gruppe häufig herrscht bis sich ein Tempo eingestellt hat, ist ein zusätzliches Risiko, dass nicht selten zu Stürzen führt und den Traum vom Finisher zerplatzen lässt. Nicht zuletzt ist die richtige und ausreichende Ernährung während einer solchen Ausdauerbelastung von Anfang an ein wichtiges Thema. Versäumt man von Anfang an und kontinuierlich zu Trinken und zu Essen ist die Belastungsgrenze schnell erreicht. Das Problem ist, dass wenn das Hungergefühl erst einmal da ist, es schon zu spät ist. Den sogenannten Hungerast, „Vor die Wand laufen“ oder der „Mann mit dem Hammer“ kann man dann auch mit noch so viel Ernährung nicht mehr wegbekommen.

Es sind 47 km bis zum ersten Depot in Ödeshög. Auf dem Weg dahin fahren wir an unserem Hotel in Vadstena vorbei. Wie schon während Halvvättern verläuft das Rennen äußerst hektisch. Viele übermotivierte Sportler kämpfen um Positionen in der Gruppe. Unnötig viele Radfahrer fahren nebeneinander und bewegen sich riskant durch die dicht gedrängten Radfahrer. Es sind gerade in der Anfangsphase viele übermotivierte Amateurradsportgruppen unterwegs, die die Jedermannveranstaltung mit einem Radrennen verwechseln. Unsere Taktik ist unsere Kraftreserven zu sparen, keine unnötigen Kräfte gegen den Wind zu verlieren und Unfälle zu vermeiden. Wir versuchen immer ein Hinterrad zu erwischen, das uns bei ausreichend Geschwindigkeit kraftschonend über die ersten Kilometer bringt. Wir treffen auf viele Radfahrer, die ihren Hinterleuten keinen Windschatten geben wollen. Hektisch drehen sich viele um und halten sogar an, um nachfolgende Radfahrer von ihrem Hinterrad loszuwerden. Die übliche Vorgehensweise, die wir bei diversen Veranstaltungen kennengelernt hatten war eine andere. Man wechselt sich ab und gibt dem Hintermann ein Zeichen, wenn man sich von der Spitze verabschiedet, so dass es ein Geben und Nehmen ist, bei dem jeder einer Gruppe vom Windschatten der anderen profitiert. Dieses Prozedere ist vor allem bei einem solch unangenehmen Wind wie an diesem Tag für alle Beteiligten hilfreich. Doch bei einem derart heterogenen Teilnehmerfeld wie bei der Vätternrunde darf man nicht davon ausgehen, dass jeder die ungeschriebenen Gesetze des Radsports kennt und sich ggf. daran hält.


Bereits nach ca. 30 km passieren wir den ersten Sturz. Eine Radfahrerin sitzt mit einer Halskrause auf der Straße. Krankenwagen und Polizei sind bereits an der Unfallstelle. Die Radfahrerin ist bei Bewusstsein und sie lächelt. Ein Schock fährt durch das Fahrerfeld. Bei den gefahrenen Geschwindigkeiten von mehr als 30 km/h ist und bleibt es ein riskantes Unterfangen sich auf den schmalen Reifen umgeben von zahlreichen weiteren Teilnehmern fortzubewegen. Viele Stürze passieren auf gerader Strecke. Häufig sind es die vermeidlich leichten Abschnitte, in denen die Konzentration nachlässt. Sei es durch riskante Überholmanöver, unachtsames Trinken und Essen oder gedankenversunkenes Auffahren in das Hinterrad bzw. Schaltwerk des Vordermanns die einen Sturz auslösen. Zusätzliche Schwierigkeit bei der Vätternrunde ist die Müdigkeit. Eine durchfahrene Nacht führt bei vielen Teilnehmern insbesondere denjenigen, die sich selten in Gruppen mit dem Fahrrad bewegen, zu Konzentrationsdefiziten und unkontrollierten Fahrmanövern im Laufe der Runde. Während die meisten die Konzentration noch durch die Nacht hoch halten können, lässt diese nach, wenn sie glauben, dass das Risiko bei einsetzender Helligkeit nachgelassen hat. Nach ca. 35 Kilometern steigt die Disziplin im Feld. Die zunehmende Müdigkeit und mangelnde Ernährung macht es zwingend notwendig, dass man die gesamte Zeit 100%ig konzentriert sein muss.


Wir passieren eine Vielzahl von Veteranen (Teilnehmer mit mehr als 25 Teilnahmen an der Vätternrunde) und Pionieren (Teilnehmer die seit der ersten Veranstaltung 1966 jedes Mal dabei waren). Einige von ihnen fahren mit selbstgestrickten Socken und Helmmützen. Andere haben ihr Radio am Fahrrad montiert oder Sonnenblumen am Lenker bzw. Sattel befestigt. Auch ein Einrad, ein Liegerad und ein Tandem passieren wir auf dem ersten Streckenabschnitt. Ob alle das Ziel erreicht haben, konnten wir leider nicht mehr in Erfahrung bringen.


Mein Magen ist an diesem Abend äußerst sensibel. Der Gedanke an die süßen Sportgetränke und –riegel löst in mir unangenehme Gefühle aus. Ich muss vorsichtig sein, um ausreichend ernährt, aber ohne Magenprobleme durch die Nacht zu kommen.

Wir erreichten das erste Depot in Ödeshög nach 47 km und 1:54 h Fahrzeit (21:40 h). Wir nehmen Honigwasser, Salzgurken, Kardamombrötchen und Blaubeersuppe zu uns sowie die gefühlt hundertste Banane. Nach knapp 13 Minuten setzen wir unsere Fahrt fort.
 

2. Abschnitt Ödershög – Gränna (47-76 km)
Weiter geht's gegen den Wind. Wir starten zu zweit aus dem Depot auf der Suche nach einem passenden Hinterrad. Wir erreichen schnell eine kleine Gruppe von drei Radfahrern, in deren Windschatten wir vorwärts kommen. Die Distanz zum nächsten Depot in Gränna bei Kilometer 76 beträgt diesmal zum Glück nur 30 km. Gränna ist bekannt als Zentrum für die Herstellung von Zuckerstangen, die in traditionell rot-weißer Färbung unter dem Namen Polkagris vertrieben werden. Unsere Fahrt nach Gränna verläuft gut. Wir bewegen uns in wechselnden Gruppen vorwärts. Immer mehr Radfahrer schalten ihre Lichter ein, denn dir Dämmerung setzt ein. Kurz nach dem Ortsbeginn befindet sich eine Kopfsteinpflasterpassage, die sich fast durch den gesamten Ort zieht. Wir bewegen uns in einer kleinen Gruppe durch den Ort, so dass sich lösende Trinkflaschen oder sonstige Gegenstände sowie Reifendefekte bei vor uns fahrenden Teilnehmern kein zusätzliches Risiko darstellen. In der Ortsmitte von Gränna spult die Zumbatruppe, an die wir uns noch aus dem Vorjahr erinnern können, ihr Programm ab und begeistert die Zuschauer und Radfahrer während der Ortsdurchfahrt. Viele Passagen führen uns durch Wälder, die viel des Lichts schlucken und es ist fast dunkel als wir gegen 23:15 h nach ca. 01:21 h das zweite Depot erreichen.

Der Speiseplan in Gränna ist für uns der gleiche wie im ersten Depot. Wir verbleiben 11 Minuten im Depot ehe wir die Fahrt fortsetzen. Auch wir fahren jetzt mit Licht. Die Temperaturen sinken und die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Die Klamotten sind recht klamm und die Finger werden zunehmend kühler. Meine Frau legt gegen die Kälte Wärmeeinlagen in ihre Schuhe. Die Vorfreude auf unseren ersten größeren Stopp in Jonköping ist groß. Dort erwartet uns unser erstes herzhaftes Essen.

3. Abschnitt Gränna – Jonköping (76-104 km)
Die meisten Radfahrer im Feld haben sich bis Gränna ihre Hörner abgestoßen und die Disziplin im Feld stieg nochmals. Das Teilnehmerfeld radelte in meist nicht mehr als zwei Reihen als Perlenschnur voller roter Rücklichter die Hügel auf und ab. Ein einmaliges Bild wenn man in die Dunkelheit hinabfährt, allerdings getrübt durch das Bewusstsein, das man ebendiesen Hügel auch gleich hoch muss. Rational ist es nicht und der absolute Wahnsinn, dass wir und alle anderen sich mit bis zu 70 km/h den Berg hinab in die Dunkelheit stürzen. Eine Mischung aus Endorphinen und Adrenalin durchfährt uns bei der Abfahrt in die absolute Dunkelheit vorbei an einigen Verkehrsinseln, die uns bergab immer wieder ein Hindernis auf der Fahrbahn sind. Jede kleinste Störung könnte schmerzhaft enden und eine Menge „Tapete“, wie Radfahrer die Haut bezeichnen, bei Stürzen kosten.

Fans begleiten uns auf vielen Abschnitten am Straßenrand und in den Vorgärten. Es ist fantastisch mit welcher Begeisterung die Bewohner die Veranstaltung bis spät in die Nacht mitverfolgen und nicht müde werden alle Teilnehmer lautstark mit den bekannten „Heja, Heja“-Rufen anzufeuern. Doch es ist vorsicht geboten. Je später der Abend desto stärker die Alkoholauswirkungen bei den Fans. Eine Portion Vorsicht schwingt mit, wenn die Anfeuernden bedrohlich nahe an und auf die Straße springen und ihre Hände zum Abklatschen in Richtung der Radfahrer halten.


Wir überqueren den Anstieg von Kaxholmen bevor wir uns dem Depot von Jonköping bei Kilometer 104 nähern. 59 Minuten nach dem Depot in Gränna erreichen wir gegen 00:26 Uhr das Depot. Das erste kulinarische Highlight erwartet uns. Ein warmes Essen in einer Halle bestehend aus Köttbullar mit Kartoffelbrei, Preiselbeeren und Salzgurken sowie Haferbrei mit Apfelmus und Preiselbeeren. Die Köttbullar sind warm und eine tolle Abwechslung und der Haferbrei ist genau das richtige für meinen sensiblen Magen.

Meine Garmin Forerunner 610 zeigt sich in dieser Nacht wieder einmal von ihrer schlechtesten Seite. Der unterdimensionierte Akku ist völlig ungeeignet für viele Veranstaltungen. Nach spätestens sechs Stunden, gerne auch früher, beginnt die Uhr lautstark und nur schwer zu stoppen nervig zu piepen. Das Armband ist ständig gefährdet auseinanderzugehen, weil der Befestigungsstift sich auch nach mehrmaligen Wechseln immer wieder aus dem Armband löst. Nach 31 Minuten Pause setzen wir unsere Fahrt in Richtung Fagerhult fort.


4. Abschnitt Jonköping – Fagerhult (104-134 km)
Bereits nach wenigen hundert Metern hinter dem Depot fahren wir an der Promenade von Jonköping entlang und passieren den südlichsten Punkt unserer Runde. Es sind wieder zahlreiche Schulabsolventen mit ihren Studentenmütze auf der Straße, die ihren Abschluss ausgelassen feiern. Es ist die einzige größere Stadt, die wir auf der Strecke durchqueren. Mit jeder Pedalumdrehung kehren wir Jonköping mehr den Rücken. Vom Rand des Sees verlief die Strecke stetig bergauf aus der Stadt hinaus und mit einem weiteren Hügel in Richtung Fagerhult.

Bereits nach einigen Kilometern erfüllte sich unsere Hoffnung, dass der Gegenwind sich von Jonköping an in Wohlgefallen auflösen würde. Zwar blies der Wind immer wieder einmal von der Seite, doch im Großen und Ganzen half uns der Wind auf den vor uns liegenden 150 Kilometern bis zur nördlichen Spitze des Sees, unserem Fernziel in Hammersundet.


Ein weiteres Highlight erwartete uns hinter Bankeryd. An einer Tankstelle bog unsere Strecke in ein Waldstück ein. Stockdunkel lag der Weg vor uns. Nur die Wegränder waren alle 1 bis 2 Metern mit einzelnen grün leuchtenden LED’s flankiert. Ein einmaliges Bild, das sich sehr stimmungsvoll präsentierte. Vereinzelte Lagerfeuer am Straßenrand runden die fantastische Stimmung in der Nacht ab. Wir können jedem, der selbst einmal an der Vätternrunde teilnehmen möchte, nur empfehlen eine Startzeit zu wählen, die die Fahrt in der Nacht beinhaltet, denn dieses Erlebnis ist einmalig und unvergleichlich.


Wir erreichten das Depot in Fagerhult 30 km nach Jonköping, nach insgesamt 134 km, und 1:26 h Fahrzeit (02:23 h). Wir nehmen Energiegetränke, Kaffee, Bananen, Kardamombrötchen, Salzgurken und Blaubärsuppe zu uns. Nach knapp 11 Minuten setzen wir unsere Fahrt in Richtung unseres zweiten kulinarischen Highlights fort.


5. Abschnitt Fagerhult – Hjo (134-171 km)
Es sind knapp 38 km bis nach Hjo und wir überqueren mit km 150 die Halbzeit unserer Langstreckenherausforderung. Mittlerweile fahren wir häufiger alleine, da die Gruppen aufgrund der ersten Erschöpfungsanzeichen vermehrt treten und anschließend wieder rollen lassen. Viele Gruppen fahren sehr unrhythmisch. Die Fahrt nach Hjo ist unproblematisch. Es ist kurz nach vier Uhr (1:32 h Fahrzeit) als wir am Ufer des Sees eintreffen. Es ist bereits hell und die Sonne ist gerade dabei über dem See aufzugehen. Es ist kalt, die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Unser Frühstück besteht aus Lasagne mit Salzgurken und Kaffee. Nach den bereits hinter uns liegenden Anstrengungen die gefühlt beste Lasagne der Welt. Meine Frau leert ihren Rucksack nun komplett und streift sich die Regenjacke als zusätzlichen Schutz gegen die Kälte über. Ich bleibe bei meinem bisherigen Outfit und lasse lediglich die langen Handschuhe an. Die kulinarischen Highlights liegen mit Hjo hinter uns und nach 25 Minuten Pause bewegen wir unsere Fahrräder wieder über den Teer.

6. Abschnitt Hjo – Karlsborg (171-204 km)
Gestärkt durch das außergewöhnliche Frühstück verlassen wir das Depot in Hjo kurz nach halb fünf. Auf diesem Streckenabschnitt setzte im Vorjahr der Regen ein. In diesem Jahr war alles trocken. Ein malerischer Sonnenuntergang begleitet uns in diesem Jahr bei der Ausfahrt aus Hjo und die tief stehende Sonne blendet zum Teil so stark, dass man mit den hellen Radbrillengläsern kaum sehen kann, wo man hinfährt. Kurz vor dem Depot passieren wir das Schild für 100 verbleibende Kilometer bis zum Ziel. Ab jetzt werden die Restkilometeranzeigen zweistellig. Wir erreichen Karlsborg nach 1:12 h und 33 Kilometern diesmal nicht bei strömenden Regen sondern bei strahlendem Sonnenschein. Kein Vergleich zum Vorjahr. Wir essen unser übliches Depot-Menü und kehren der Festung von Karlborg nach 12 Minuten gegen 6:00 Uhr den Rücken.


7. Abschnitt Karlsborg– Boviken (204-225 km)
Die Kombination aus Wind, starkem Regen und Temperaturen von ca. 3 Grad Celsius machten 2012 zu einer physisch und psychisch starken Belastung. Der Körper kühlte auf diesem relativ kurzen Abschnitt ziemlich stark aus. Insbesondere die Hände und Füße wurden unerträglich unterkühlt und völlig durchnässt. Das Wasser stand 5 bis 10 cm auf der Straße. Wir kämpften uns vor einem Jahr noch bis nach Boviken ehe wir völlig erschöpft aufgaben und in der Kälte knapp vier Stunden auf den Bus warteten, der uns nach Motala brachten.

2013 war das Wetter durch und durch sonnig. Nichtsdestotrotz fühlen sich die 21 Kilometer lang an. Die hinter uns liegenden 2/3 der Strecke sind mittlerweile deutlich in unseren Beinen zu spüren und der Weg nach Boviken hügelig. Während des ständigen Überholens und überholt Werdens treffen wir immer wieder auf die gleichen Mitstreiter. Trotz der großen Teilnehmerzahl insgesamt knapp 23.000 Teilnehmern ist die Wiedererkennung anderer Athleten während der Tour hoch. Insbesondere die Menschen um uns herum, denen man auf den ersten Blick aufgrund ihrer Körperkonstitution nicht ohne weiteres das Prädikat Spitzensportler verleihen würde, sind deutlich von den Strapazen gezeichnet. Tapfer kämpfen sich viele Menschen, ob jung oder alt, dick oder dünn, trainiert oder trainingsminimal vorbereitet über die Strecke und viele werden am Ende das Ziel erreichen. Das sind fantastische Leistungen, vor denen wir weitaus größeren Respekt haben als vor unserer eigenen.


Die körperliche Anstrengung der Vätternrunde ist die eine Seite der Medaille die geistige Beanspruchung die meiner Ansicht nach weitaus größere. Es gibt während einer solchen Veranstaltungen mindestens einen Moment, in dem man sich fragt, warum man sich das Ganze antut. Die Zeit während einer solchen Runde ist einfach so lang, dass man irgendwann zu denken beginnt und viele Dinge hinterfragt. Da kommen Fragen hoch wie: Schaff ich das? Was kann mir jetzt noch passieren? Will ich noch weiterfahren? Ist das Ganze nicht eigentlich viel zu gefährlich sich viel zu schnell in die Dunkelheit zu stürzen? etc. Bei schlechten Witterungsbedingungen steigt die Anzahl der destruktiven Gedanken um ein Vielfaches. Da heißt es die Gedanken ziehen zu lassen und stupide in die Pedale zu treten.


Die Strecke von Fagerhult bis Boviken verläuft durch viele Waldstücke, welche in dieser Nacht als guter Windschutz dienen während der Wind wieder auffrischt. Es bleibt nicht aus, dass abgesprungene Ketten, platte Reifen oder totale Erschöpfung einiger Sportler zunehmend für Zwangspausen sorgen. An verlorenen Trinkflaschen, auf der Straße liegenden Gels und Riegeln erkennt man, dass sich die Konzentration bei der Nahrungsaufnahme bei vielen nicht mehr auf dem Gipfel ihrer Möglichkeiten liegt. Es ist zu beobachten, dass erschöpfte Radfahrer zunehmend aus dem Sattel gehen, entweder um ihre Sitzprobleme zu kompensieren oder um ein paar Meter im Stehen zu fahren, überlastete Muskelgruppen entlasten und andere zu belasten. Hinzu kommt, dass die Helligkeit und die vermeidlich wenigen Restkilometer einige Radfahrer zur Unaufmerksamkeit verleiten. Für uns heißt das: Noch mehr aufpassen als ohnehin schon. Lieber etwas mehr Abstand und großzügig kalkulierte Überholmanöver, um nicht einen Sturz zu riskieren.


In einer Phase in der wir in einer Gruppe fahren überholt uns relativ zügig ein weißer Volvo. Wenige Kilometer später treffen wir das Fahrzeug mit Warnblinklicht auf der Fahrspur des entgegenkommenden Verkehrs wieder. Aus der Ferne können wir nicht erkennen, was passiert ist. Viele Gedanken gehen einem in diesem Moment durch den Kopf. Hat er eventuell einen Radfahrer bei einem Überholmanöver erwischt? Erst als wir an dem Wagen vorbeifahren, sehen wir den Grund seiner unfreiwilligen Fahrtunterbrechung. Vor seinem Wagen liegt in den letzten Zügen zuckend ein riesengroß wirkendes Reh blutend auf dem Asphalt. Ein tragischer Zwischenfall, doch aufgrund der Tatsache, dass der Wagen das Tier auf der linken Fahrspur bei einem Überholvorgang erwischte, könnte es sogar sein, dass das Auto das Reh stoppte bevor es in eine Radgruppe hineinrannte. Wilde Vermutungen in einer vom Radfahren geprägten Nacht.


Ein skurriles Bild bietet sich allen Teilnehmern Jahr für Jahr kurz vor dem Depot in Boviken. Selbst im vergangenen Jahr als es zu diesem Zeitpunkt wolkenbruchartig regnete, konnte man sich auf diese Tradition verlassen. Am Ende eines Hügels steht ein Prediger, der die Botschaft „Gott liebt Dich“ an die Radfahrer übermittelt. Mit einer Handvoll seiner Anhänger steht er da in einer Reihe, verkündet via Megaphon seine himmlische Botschaft und gibt allen vorbeifahrenden High five. Ein besonderes Erlebnis während einer Fahrradtour um kurz vor 7 Uhr.


So grausam Boviken im vergangenen Jahr war, so unschuldig und harmlos lag es in diesem Jahr malerisch über dem See. Wir haken diesen Programmpunkt in gewohnter Manier ab. Das Menü aus Bananen, Energiedrink, Salzgurken, Blaubärsuppe, Kaffee und Kardamombrötchen wecke in uns Déjà-vus an bereits hinter uns liegende Depots. Ankunft in Boviken 6:48 Uhr, Abfahrt 6:58 Uhr.


8. Abschnitt Boviken– Hammersundet (225-254 km)
Wir gehen in den Teil der Strecke, den wir im vergangenen Jahr nicht mehr erlebt haben. Wir fahren in Richtung der Nordspitze des Sees in Hammersundet. Der letzte Abschnitt für uns, den wir ohne Gegenwind fahren werden. Ab Hammersundet geht unser Weg wieder gen Süden und für die verbleibenden knapp 50 Kilometer wird der Wind wieder auffrischen.

Die Veteranen fahren die Vätternrunde häufig ganz für sich alleine. Ohne den Windschatten einer Gruppe treten sie stoisch in die Pedale. Viele strahlen auf dem Fahrrad eine Gelassenheit aus, die bemerkenswert ist. Aufgrund ihrer Erfahrung wissen sie was auf sie zukommt. Wir haben vor der restlichen Distanz Respekt. Ich, weil ich aus dem Jahr 2008 weiß, was noch vor uns liegt, meine Frau, weil sie aus dem vergangenen Jahr weiß wie lange 70 km sein können wenn irgendetwas dazwischen kommt. Was meine Frau zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass noch einige unangenehme Aufs und Abs das Höhenprofil bis in das Ziel ausmachen.

Der Teil ab Boviken zeigt ein weiteres Gesicht der Landschaft rund um den Vätternsee. Die Straße verläuft durch felsige Abschnitte. Es wirkt alles etwas rauer und unberührt. Es ist ein sanftes Auf und Ab. Auf diesem Teil erfahre ich die Reinkarnation meiner Kraftreserven. Gleichmäßig pedalieren wir mit einer guten Reisegeschwindikeit von knapp 26 km/h bei zunehmender Hitze in Richtung Hammersundet Brücke. Kurz vor dem Depot fährt man einen Anstieg bis knapp zur Mitte der Brücke ehe man in einer leichten Abfahrt auf den Parkplatz direkt hinter der Brücke fährt, wo sich das Depot befindet. Die musikalische Untermalung des Brückengeländers, dass bei den Teils kräftigen Böen zu pfeifen beginnt, erinnert uns, dass der Wind zurückgekehrt ist. Um 8:06 Uhr fahren wir auf den Parkplatz ein. In den 14 Minuten Pause reduzieren wir die Nahrungsaufnahme auf Kardamombrötchen, die wir in einen großen Honigeimer tauchen, Bananen und Kaffee.


9. Abschnitt Hammersundet – Medevi (254 – 272 km)
Wir begeben uns auf die letzten 40 km. Das Ziel rückt immer näher und scheint zum Greifen nahe. Meine Frau klagt über deutlich spürbare Knieschmerzen. Die starre Position der Füße in den Klickpedalen hinterlässt ihre Spuren. Zusätzlich sind der Rücken und die Sitzfläche erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden. Ich hatte jedoch eine interessante Abwechselung gegen die Schmerzen im Programm. Ich kann nicht sagen, ob es an den zugefügten Kalorien der letzten 12 1/2 Stunden lag, der Wille zum Ziel mich zog oder die Krafteinteilung einfach optimal war, doch spürte ich noch einige Kraftreserven für die verbleibende Strecke. Selbst der wieder aufkeimende Wind konnte mich nicht stoppen. Meine Frau beschrieb es als den konditionell aufreibendsten Teil der Strecke, dem wir nun begegneten. Ein schier endloses hügeliges Auf und Ab, das meine Frau zu ebenso endlosen Schimpftiraden animierte, die sie jedoch nur vereinzelt nach außen brachte. Die Geschwindigkeit sorgte dafür, dass die Luft fehlte, um den Ärger dauerhaft zu artikulieren sowie vermied das hohe Tempo, dass zu viele Gedanken für den Schmerz blieben.

Wir peitschen im wahrsten Sinne des Wortes an allen vorbei, und meine Frau berichtete mir im Nachhein vom Stöhnen und Keuchen der Mitstreiter an ihrem Hinterrad, die sich bemühten an uns dran zu bleiben, doch reihenweise abreißen lassen mussten. Ein kurzer unangenehmer Anstieg zum letzten Depot vor Motala in Medevi beendet unseren Abschnitt bei Km 272 13:18 h nach dem Start und 0:42 h hinter Hammersundet. Wir stärken uns ein letztes Mal mit Honig-Kardamombrötchen, nehmen eine letzte Banane und trinken einen weiteren Schluck Kaffee.

10. Abschnitt Medevi– Motala (272-296 km)
Ich interpretiere unsere letzten 24 km in Richtung Motala als Sprint und wir fliegen durch die wunderschönen Wälder voller kleiner blühender Orchideen. Es haben sich mittlerweile wieder einige Zuschauer am Streckenrand versammelt und sie zeigen ihre Begeisterung freudestrahlend. Wir überholen mit Geschwindigkeiten jenseits der 40 km/h zahlreiche Teilnehmer. Es ist eine kleine Zeitreise der vergangenen knapp 14 Stunden. Viele Menschen, die wir auf unserer Tour trafen, fliegen nun noch einmal auf unserem Sprint in Richtung Ziel an uns vorbei. Am Ende war ich mir nicht sicher, ob meine Frau froh war, dass wir unser Vorhaben um Punkt 10 Uhr nach 14:14 h erfolgreich abgeschlossen hatten oder die Ziellinie mich endlich zum Bremsen zwang und das Ganze ein Ende hatte. Diszipliniert fuhren wir ein paar Meter auseinander über den Zielstrich, um den Fotografen die Gelegenheit zu geben, ein schönes Zielfoto von uns anzufertigen. Glücklich nehmen wir unsere Finishermedaillen in Empfang und holen unsere Urkunden aus dem Messezelt ab.

Wir bewegten uns langsam auf unseren Radschuhen durch die Stadt und konnten immer mehr Radfahrer beobachten, die ihr Vorhaben erfolgreich abschlossen. Einige waren so erschöpft, dass sie nach der Ziellinie nicht mehr daran dachten mit Klickpedalen mit ihrem Fahrrad verbunden zu sein und kippten wie in Zeitlupe auf die Seite. Der ein oder andere wird hierbei mindestens einige blaue Flecken und Hautabschürfungen davon getragen haben. Ein Teilnehmer schlug dabei so unglücklich mit seinem wertvollen Rad auf den Bordstein, dass seine Kurbel komplett verbogen war und er sein Fahrrad nicht mehr fortbewegen konnte.

Im Startgeld ist ebenfalls das Essen nach dem Rennen enthalten. Ein Stück Hühnerfleisch mit Hülsenfrüchten und Nudelsalat zusammen mit einem alkoholreduzierten Bier sind nach den süßen Speisen der letzten Stunden eine willkommene Abwechslung. Unsere Startnummern sind stumme Zeugen des Events. Flecken von den Getränken der Depots sowie Insekten von den Abfahrten zieren unsere Nummern. Insgesamt sechs Stunden müssen wir aufgrund gesetzlicher Vorgaben in Motala warten, bevor wir wieder Auto fahren dürfen. Die durch die Belastung eingeschränkte Verkehrstüchtigkeit ist stark herabgesetzt und man soll sich erst erholen. Die Polizei kontrolliert die Einhaltung in den Ausfahrtstraßen sehr intensiv. Ein Vergehen wird einerseits mit einer Geldstrafe geahndet und hat die Disqualifikation bei der Vätternrunde zur Folge. Der gesamte Park im Start- und Zielbereich in Motala ist gepflastert von Menschen, die ihre geschundenen Körper im Gras betten und auf die Anstrengung und den Schlafmangel mit komatösen Schlaf reagieren. Wir nutzen unser Auto und kompensieren dort einen Teil unseres Schlafdefizits ehe wir in unser Hotel zurückkehren und nach insgesamt 36 Stunden, in denen wir wach sind, ins Bett fallen. Überraschend stellen wir am darauffolgenden Tag fest, dass wir nur minimalen Muskelkater haben und treten unsere Heimreise nach Deutschland an. 

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