En Svensk Klassiker
En Svensk Klassiker

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Unser Veranstaltungsbericht

Freitag, den 05.07.2013 - Anreise

Die Hälfte der Strecke auf dem Weg zum Schwedischen Klassiker haben wir bereits zurückgelegt. Nach dem Skilanglauf und dem Radfahren ist das Schwimmen der nächste Programmpunkt. Morgens um 5 Uhr klingelte der Wecker und unsere Reise gen Norden begann. Ich variierte den Tempomaten zwischen 90, 110 und 130 je nachdem welche Geschwindigkeit die skandinavischen Straßen hergaben und Stunde für Stunde kamen wir unserem Ziel näher. Zehn Stunden auf der Autobahn, dann ca. 3 Stunden auf einer Art Bundesstraße und abschließend ca. 1 Stunde auf einer Nebenstraße legten wir die Strecke mit zunehmender Dominanz der Natur und Rückgang der Zivilisation zurück. Wir hatten bereits 12 Stunden unseres Weges zurückgelegt als wir ein Markenzeichen Skandinaviens hautnah erlebten. Direkt vor dem vorausfahrenden Auto überquerte ein Elch die Straße und zwang uns zum Bremsen. Ein imposanter Anblick, den uns dieses mächtige Tier bot, das sich nachdem es die Fahrbahn verlassen hatte noch kurz umblickte, für ein Foto posierte und anschließend weiter in den Wald zog. Der Rest der Fahrt war unauffällig und so erreichten wir nach 14,5 Stunden unser Hotel 15 km vor den Toren von Vansbro. In einem Wandererhotel, eine Art Jugendherberge, hatten wir unsere landschaftlich traumhaft gelegene Unterkunft gefunden. Unserem ersten Eindruck offenbarte diese Perle ihren Glanz nicht. Mücken, extrem lauten weiteren Gästen in den Zimmern neben und unter uns, unzähligen Mücken und Fenster mit Vorhängen, die keinen Schutz vor der Helligkeit gaben waren Dinge, die uns sofort unangenehm auffielen. Auf den zweiten Blick kam dazu, dass wir ohne Bettwäsche ein Problem hatten, denn diese hätten wir offensichtlich mitbringen sollen. Mit ein wenig Improvisation lösten wir jedoch auch dieses Problem und Stunde für Stunde, die wir in unserer Unterkunft waren, genossen wir die zahlreichen Vorteile unserer Bleibe.

Samstag, den 06.07.2013 - Vorbereitung

Allein das Frühstück am kommenden Morgen erfüllte unsere Erwartung optimal. Es gab unser mittlerweile geliebtes schwedisches Frühstück Gröt. Darüber hinaus wurde uns ein großes Angebot am Buffet gegeben, so dass wir gut in den Tag starten konnten. Wir nutzten den Morgen um die nähere Umgebung zu erkunden. Unser erster Blick fiel auf Loipenschilder, die direkt hinter unserer Unterkunft standen. Wir folgten den Schildern und waren schnell in der Natur. Nach ein paar Metern standen wir plötzlich in einem Skistadion, in dem unter anderem Biathlon-Wettbewerbe ausgetragen werden. Neben Wintersport gibt es in diesem Skizentrum auch die Möglichkeit im Sommer auf Rollskiern zu trainieren. Ein gut ausgebautes und unterschiedlich variierbares Loipennetz mit anspruchsvollen Streckenverläufen führt vom Skistadion ausgehend durch die umliegenden Wälder. Wir folgten der 5 km-Runde und stellten schnell fest, dass es ein ständiges Auf und Ab ist, das in Sommer und Winter hervorragende Trainingsbedingungen liefert. Auf dem höchsten Punkt der Strecke trafen wir einen 60jährigen Skirollerfahrer, der uns umgehend in ein Gespräch verwickelte. Er erzählte uns, dass Jens Eriksson, Weltcup-Skilangläufer und Mitglied der Schwedischen Nationalmannschaft, ebenfalls häufiger auf dieser Strecke trainiert. Wir trafen Jens Eriksson später noch im Ziel des Triathlons, der in Vansbro stattfand und an dem er teilnahm. Wie wir später erfuhren ist das gesamte Projekt auf Initiative des in Vansbro lebenden schwedischen mehrfachen Olympiasiegers und Weltmeisters im Skilanglauf Gunde Svan entstanden.
Gegen 11 Uhr fuhren wir nach Vansbro, um uns mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen. Die Innenstadt des kleinen Ortes war sehr voll. Neben der Schwimmveranstaltung für Frauen (Tjejvansbro) fand an diesem Tag auch der Triathlon statt. Wir holten unsere Startunterlagen ab, besuchten das Messezelt und trafen dort alte Bekannte aus Motala wieder. Ein Messeverkäufer, mit dem wir uns bereits im Rahmen der Vätternrunde nett unterhielten, erkannte uns wieder und interessierte sich sehr für unsere sportlichen Aktivitäten. Er selbst ist Mitglied des schwedischen Langlauf-Perspektivkaders und arbeitet intensiv auf die Teilnahme an den olympischen Spielen 2014 in Sochi hin.
Wir beobachteten die Teilnehmerinnen auf ihrer 1000 m Strecke und ich stellte fest, dass ich auch nach längerem Hinsehen keine Teilnehmerinnen ohne Neoprenanzug schwimmen sah. Die Anzeige der Wassertemperatur am Ufer zeigte 15,7°C an. Ich begann zu zweifeln, ob es tatsächlich sinnvoll sei, auf den Neoprenanzug zu verzichten. Aufgrund der geplant längeren Aufenthaltsdauer im Wasser von meiner Frau hatte sie sich bereits einen Anzug geliehen. Ich wählte bislang den optimistischen Ansatz, doch sank meine Überzeugung. Wir beschlossen und uns die Messeangebote anzuschauen und die Information, dass die angezeigte Wassertemperatur nur am wärmeren Rand galt und die Temperatur Richtung Flussmitte schnell mind. 1,5°C kälter sei, überzeugte mich letztlich einen Neopren zu erwerben. Wir erkundeten den Zieleinlauf und das anschließende Prozedere, so dass wir gut vorbereitet für den kommenden Tag waren. Die ankommenden Teilnehmerinnen, die das Ziel erreichten waren sehr stark von der Anstrengung gezeichnet. Kreislaufprobleme, Erschöpfung und die Kälte bereiteten einigen Teilnehmerinnen zum Teil sehr große Probleme. Am morgigen Tag traten wir zur dreifachen Distanz an und so wuchs der Respekt meiner Frau vor der Herausforderung nochmals immens. Wir stärkten uns mit hervorragendem warmgeräucherten Lachs, dem Salatbuffet, Knäckebrot und einem fantastischen Schokoladenkuchen.
Bereits auf dem Weg zurück zu unserem Parkplatz kreuzten wir die Wege der Triathleten. Die führenden Sportler befanden sich bereits auf der Laufstrecke. Wir beschlossen uns ein Bild vom Triathlon in der Wechselzone und dem Zielbereich zu machen. So erlebten wir die unterschiedlichsten Wechselprozedere der Teilnehmer und bekamen die Sieger der Veranstaltung aus nächster Nähe mit. Zurück im Hotel ergatterten wir die letzten freien Plätze im Restaurant unserer Unterkunft und sättigten uns am Nudelbuffet. Umgeben von zahlreichen weiteren Schwimmern aßen wir möglichst viel Lasagne, Spinatlasagne, Nudeln mit Lachs- und Fußkrebssoße, Hühnersoße, Salat, Knäckebrot und rundeten das Ganze mit hausgemachtem Apfelkuchen ab.
Bei unserem Verdauungsspaziergang entdeckten wir weitere Höhepunkte der Natur um unsere Unterkunft. Der kleine See, den wir auf bei unserer Ankunft sahen, offenbarte sich als riesige Seenlandschaft, die malerisch hinter unserem Hotel lag. Ein Kinderquizwald sowie ein altes Sägewerk mit einem traumhaft gelegenen Kiosk bildeten den Einstieg in einen traumhaften Wald. Ein ungeahntes Paradies direkt hinter dem Hotel, Natur pur. Wir packten unsere Sachen für den nächsten Tag noch zusammen und beendeten den Tag.

Sonntag, den 07.07.2013 - Vansbrosimningen

Um 7:30 Uhr klingelte der Wecker. Wir bezahlten das Zimmer, reinigten den Raum und gingen zum Frühstück. Der Frühstücksraum war erwartungsgemäß prall gefüllt. Wir nahmen unnatürlich große Mengen Gröt zur Stärkung zu uns und brachen, der Empfehlung unseres Hotelschefs folgend, bereits um 8:45 Uhr nach Vansbro auf. Wir ergatterten einen guten Parkplatz, schnürrten unsere Startbeutel und Neoprenanzügen und marschierten langsam Richtung Start. Ein Produkt, das uns schon durch seine lang anhaltende Wirkung bei der Vätternrunde fantastische Dienste erwiesen hatte, wollten wir auch bei unserem Schwimmwettkampf nicht missen. Zwar mussten wir feststellen, dass unsere Sonnencreme nur dort wirkt, wo wir zuvor auch eingecremt waren, doch dort leisteten die Ultrasun-Produkte gewohnt optimale Arbeit und verhinderten den schmerzhaften Sonnenbrand. Einmaliges Auftragen genügt und trotz Schweiß, dem langen Aufenthalt im kalten Wasser und der gnadenlos brennenden Sonne waren wir perfekt geschützt. Es ist immer wieder schön mit Premiumprodukten zu arbeiten.

Menschenmassen strömten den knapp 2 km langen Weg zur Startlinie unter einer Bahnbrücke entlang. Aus allen Himmelsrichtungen strebten ca. 8000 Schwimmer und mindestens genauso viele Angehörige, Freunde und Bekannte zum Start. Wir schauten den schnellsten Schwimmern bei ihrem Start um 10 Uhr zu und suchten uns ein schattiges Plätzchen, um die Vorbereitung der vor uns startenden Gruppen mitzuverfolgen. Überall um uns herum zwängten sich halbnackte Menschen in ihre Neoprenanzüge und überzogen ihren gesamten Körper mit Vaseline. Sollte Vaseline negative Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt von Gewässern haben, fand an diesem Tag massive, kollektive Umweltverschmutzung statt. Ständig fuhren Anhänger an uns vorbei, die die Kleiderbeutel der Teilnehmer vom Start zum Ziel transportierten. Eine logistische Meisterleistung, die die Veranstaltung an den Tag legten. Gegen 11:30 Uhr begannen auch wir mit den Vorbereitungen, zogen unsere Neoprenanzüge an und schmierten Vaseline auf den Hals und unsere Füße. Wir legten unsere Kleiderbeutel in den für unsere Startnummern gekennzeichneten Anhänger und stellten uns hinter der Startgruppe 9 an bevor wir in Startgruppe 10 um 12:15 Uhr starten durften.
  
In der prallen Sonne warteten wir bei knapp 28 °C darauf in das Wasser gelassen zu werden. Vor dem Eingangsbereich an einem Abstieg, der Richtung Wasser führte, verhinderte ein Mitarbeiter noch den Durchgang. Es waren noch ca. 10 Minuten bis zum Start. Neben uns zahlreiche ungeduldige Sportler, die dem Start entgegen fieberten. Es roch nach Neoprenanzügen, die in der Sonne brutzelten sowie Sonnencreme und überall glänzte die Haut vor Vaseline. Fünf Minuten vor dem Start begann das obligatorische Fitnessprogramm. Während die Vorturnerin auf einem kleinen Podest Aufwärmübungen vormachte, ahmten diese viele Schwimmer dicht gedrängt nach. Es ist mir schleierhaft warum es nicht bereits in dieser Phase zu zahlreichen Verletzten und Materialschäden gekommen ist. Rudernde Armbewegungen, Kicks und Schattenboxen ist bei einer Menschenmasse mit Bewegungsfreiheit eines Huhns in der Legebatterie nur eine bedingt gute Idee. Übungen, die kräftiges Auftreten auf den aus grobkörnigen Kieselsteinen bestehenden Boden erfordern, sind meiner Ansicht nach auch nur die zweitbeste Wahl. Hinzu kommt, dass auch ein Neoprenanzug in der Sonne nicht die optimale Kleidung ist, um darin Turnübungen auszuüben. Einerseits staut sich die Hitze aufgrund der mangelnden Atmungsaktivität darin, als wäre man in Frischhalte eingewickelt (Es soll ja derartige Abnehmprogramme geben). Glücklicherweise blieben alle Teilnehmer unseres Startblocks dennoch stehen. Andererseits machten die Neoprenanzüge zahlreicher Teilnehmer bereits bewegungslos den Eindruck als ob zwischen Kauf des Anzugs und dem heutigen Tag die ein oder andere Mahlzeit zu viel lag und die Belastungsgrenze des Materials zumindest nicht mehr weit entfernt schien. Die abrupten Bewegungen und die ein oder andere Dehnübung hat beim ein oder anderen bestimmt dazu geführt, dass die Dichtigkeit des Materials aufgrund von spontan auftretender Materialschwäche nicht mehr zu 100% gegeben war.

Das Fitnessprogramm war absolviert und Punkt 12:15 Uhr wurde der Einlass zum Startbereich für uns freigegeben. „Lycka till“ schallte durch die Lautsprecher. Wir standen in der zweiten Reihe, so dass wir schnell zum Wasser vordringen konnten. Zwei Eingänge, bei denen die Zeiterfassungschips erfasst wurden lagen nun noch zwischen uns und dem Wasser. Es ging einen leichten Abhang hinab. Ein letztes Mal das Armband mit dem Chip über eine aufgemalte Hand mit dem Sensor ziehen und los ging es. Vor mir lief der erste Teilnehmer noch ca. fünf Meter am Ufer entlang in Richtung Wasser und tauchte kurz darauf in das Wasser ein. Ich rannte ihm hinterher, drehte mich noch einmal zu meiner Frau um und rief ihr "Viel Glück und viel Spaß" zu und schmiss mich ebenfalls in das kühle Nass.

Wir gingen beide mit unterschiedlichen Zielen an den Start und beschlossen daher die Strecke jeder für sich in Angriff zu nehmen. Während es meiner Frau einzig darum ging das Ziel zu erreichen und damit rechnete nach spätestens ca. 2 Stunden aus dem Wasser zu steigen, wollte ich zumindest maximal knapp über einer Stunde schwimmen und im besten Fall knapp unter einer Stunde bleiben. Da ich nur bedingt begabter Freistilschwimmer bin und das Brustschwimmen sehr gut beherrsche, hatte ich mich auf meinen Schwimmstil festgelegt.

André’s Schwimmbericht
Kaum in das Wasser eingetaucht, hatte ich das Gefühl, dass mir jemand mit viel Schwung mit einem großen Ruder vor die Brust haut. Die Kälte des Wassers war so brutal, dass ich das Gefühl hatte, meine Lungen würden zusammengequetscht werden und mir die Luft zum Atmen nehmen. So stellte ich mir das Schwimmen in einem kalten Gebirgsbach vor. Das Wasser war schön klar und sauber, aber eisig kalt. An der Anzeigetafel standen ca. 15,7 ° C, doch erzählte man uns, dass das die optimistisch gemessene Temperatur in Ufernähe wäre. Einige Meter in Richtung Flussmitte wären es bereits mindestens 1,5°C weniger. Ich atmete sehr kurzatmig, fast hechelnd und hatte das Gefühl nicht ausreichend Luft aufnehmen zu können. Ich konnte mich gar nicht auf das Schwimmen konzentrieren, weil mich meine Atmung dermaßen in meiner Leistungsfähigkeit lähmte, dass ich in diesem Punkt einfach nur funktionierte. Hinzu kam, dass meine Schwimmbrille meinen Durchblick verhagelte und nichts als Nebel vor meinen Augen war. Ich war neben der eingeschränkten Sauerstoffaufnahme und der Kälte zusätzlich damit beschäftigt, dass ich meine Schwimmbrille neu justieren durfte. Ich nahm sie während des Schwimmens ab und ließ Wasser hineinlaufen, um wieder klar sehen zu können. Das funktionierte einige Meter, doch dann lief Wasser hinein. Während ich unaufhörlich weiterhin schwimmend versuchte mein Wohlbefinden im Wasser herzustellen, waren die ersten Meter zurückgelegte. Nach ca. 200 Metern gab ich bezüglich der Reparaturen meiner Brille auf und setzte sie ab. Es dauerte noch einige Zeit bis die Atmung leichter wurde und sich mein Körper an die Temperaturen gewöhnt hatte. Nach ca. 400 Metern hatte ich das Gefühl, dass ich bereit war die Herausforderung erfolgeich in Angriff zu nehmen.

Aufgrund meiner Nebenbeschäftigungen war ausreichend Abwechslung auf den ersten 1.000 Metern gegeben. Bis zum Durchschwimmen des ersten Tores bei km 1 verging die Zeit und Strecke meinem Gefühl nach sehr schnell. Ich lag im vorderen Bereich meiner Startgruppe und aufgrund meiner guten Pace, die ich als guter Brustschwimmer an den Tag legte, waren es nur ein paar gut trainierte Freistilschwimmer, die mich überholten. Ich zog meine Bahn durch das kalte Nass und überholte zunehmend mehr Schwimmer aus den zuvor gestarteten Gruppen. Man konnte die Startgruppen sehr gut voneinander unterscheiden, denn jede Startgruppe hatte ihre eigene Badekappenfarbe. Wir hatten eine modisch fragwürdige Farbe, die ich als Mischung aus orange und rosa beschreiben würde.

Meine Wahrnehmung des Umfelds war abgesehen von der um mich schwimmenden Teilnehmern sehr eingeschränkt. Ich sah beim Eintauchen in und Auftauchen aus dem Wasser einige Füßgänger-, Bahn- und Autobrücken, am Rand der Strecke das Ufer sowie einige Boote, die zur Sicherheit an der Strecke patroulierten. Anfangs noch alle ca. 20 m wurde mit zunehmender Streckenlänge die Überwachung des Starterfeldes dichter. Nach dem ersten Kilometer standen die Boote dicht aneinander, so dass eine intensive Überwachung der Schwimmer gewährleistet war. Zur Flussmitte hin war die Strecke mit einer Schwimmleine abgespannt, so dass die Zielorientierung gegeben war.

Nach ca. 38 Minuten erreichte ich Kilometer 2. Die letzten Meter mit der Strömung des Vanån brachen an. Nach wenigen Metern bog die Strecke in Richtung des Flusses Västerdalälven ab, den es für die letzten  knapp 1.000 Meter der Strecke gegen des Wasserlauf zu schwimmen galt. In der Kurve lag ein Boot, aus dem zwei Männer neben Zuckerstückchen für die Schwimmer auch ein selbst gemaltes Schild hielten, auf dem sie schrieben "Die letzten 854,4 Meter". Ich passierte das Boot und merkte zugleich, dass das Wasser nochmals kälter wurde, die Strömung zunahm, der Wind von vorne kam und das Schwimmen fortan deutlich anstrengender wurde. Ich hatte das Gefühl ich stand und kam keinen Meter mehr voran. So gut ich bis dahin in der Zeit lag, so demoralisierend war es um diese Kurve zu kommen. Ich wusste, dass ich es schon irgendwie schaffen würde diese Strecke zu bewältigen, doch machte ich mir Gedanken, ob meine Frau mit diesen Widrigkeiten zurechtkommen würde. Von diesem Punkt an war ein Holzsteg bis in das Ziel gelegt worden und alle 5 bis 10 Meter stand ein Helfer darauf und beobachtete das Geschehen sehr aufmerksam. Sie fragten erschöpfte Teilnehmer, ob es ihnen noch gut ginge und halfen denjenigen, die sich am Steg festhielten oder aus dem Wasser gezogen werden mussten oder wollten. Ich mobilisierte nochmal alle Kräfte und zog an zahlreichen weiteren Schwimmern vorbei. 50 Meter vor dem Ziel konnte ich auch die Zeitnahme sehen, auf der 3:12 h zu lesen war. Der Startschuß für die erste Gruppe fiel um 10:00 Uhr und um 12:15 Uhr waren wir gestartet, so dass ich ca. 57 Minuten unterwegs war. Wenige Sekunden später schlug ich an und ging erschöpft aus dem Wasser.

57:41 Minuten war ich unterwegs. Das Ziel mehr als erfüllt und glücklich über das Erreichte holte ich mir meine Finishermedaille ab, trank zahlreiche Becher mit Sportgetränken und machte mich auf den Weg zu unseren Kleiderbeuteln. Ich kehrte zum Ziel zurück und beobachtete eintreffenden Schwimmer. Unzählige Finisher waren nicht in der Lage aus dem Wasser zu steigen, zu sehr waren sie von der Erschöpfung und der Kälte gezeichnet. Immer wieder mussten die sehr aufmerksamen Helfer im Ziel zur Hilfe kommen, um Teilnehmern beim Ausstieg aus dem Wasser zu helfen. Sie verteilten zahlreiche Traubenzucker für die schnelle Hilfe, öffneten die Neoprenanzüge oder stützen die Teilnehmer, die nicht mehr in der Lage waren alleine zu stehen. Eine extrem gut organisierte Veranstaltung mit hochmotivierten und sehr wachsamen Helfern. Ein ganz großes Kompliment! Die Minuten vergingen und ich sah immer mehr Teilnehmer, die ihren Körper bis an die Leistungsgrenze belastet hatten. Ein Teilnehmer konnte sich überhaupt nicht mehr auf den Beinen halten und erinnerte mich an die Fernsehbilder während der BSE-Berichterstattung. Vollkommen unfähig seine Muskeln zu kontrollieren musste er von mehreren Helfern gestützt werden, um nicht zusammenzubrechen. Glücklicherweise konnten alle Teilnehmer nach einigen Minuten der Regeneration wieder auf den eigenen Beinen den Steg im Zielbereich verlassen und ihre Finishermedaille in Empfang nehmen. Ein Teilnehmer hatte am Nachmittag weniger Glück. Tragisch erlitt der 60jährige 30 Meter vor dem Ziel einen Herzstillstand. Bedauerlicherweise kam jede Hilfe zu spät.

Sandra’s Schwimmbericht
Vorneweg: Ich bin eine unterdurchschnittliche Schwimmerin. Ich bin langsam und schwimme wie Treibholz. Deshalb war mein einziges Ziel in Vansbro durchzukommen, egal wie lange es dauern würde. Ich wusste, dass die ersten zwei Kilometer mit der Strömung verliefen und der letzte Kilometer gegen den Wasserlauf. Es ist kalt. Mein Fokus richtet sich auf die Sicherheitsmaßnahmen. Für mich wichtig: Es sind überall Helfer und Sanitäter an der Strecke.
Nachdem sich mein Mann vor mir rennend ins Wasser gestürzt hatte, tat ich es ihm gleich und hatte innerhalb von Sekunden das Gefühl ich schwimme im Eismeer, nur dass ich die Eisschollen nicht sehen konnte, spüren konnte ich sie. Meine ersten Brustschwimmversuche wurden von ersten Hustenanfällen unterbrochen. Kraulen ging gar nicht und ich beschloss einfach zu ertrinken. Verzweiflung packte mich. Wie soll ich die 3 km unter diesen Bedinungen bewältigen? Vor lauter Husten konnte ich überhaupt nicht vernünftig atmen und schwimmen. Meine Brille beschlug. Der Anzug drückte so an meinem Hals, dass ich dachte ich gehe gleich unter. Es hatte keinen Sinn. Die einzige Lösung: Umdrehen, rückwärts schwimmen und irgendwie paddelnd in Richtung Ziel plantschen. Der Käferstil war geboren. Wie ein Käfer der auf dem Rücken liegend nicht mehr auf die Beine kommt, strampelte ich durch den Vanån. Ich sicherte mir einen Platz an der äußersten rechten Seite und „schwamm“ Non-stop hustend weiter. Es war irgendein Gepaddel mit Händen und Füßen.

Fast jedes Rettungsboot sprach mich an, ob es mir gut ginge, woraufhin ich jedes Mal auf Englisch versicherte: „Ja, ich kann nur nicht schwimmen“ oder „Ja, ich hasse schwimmen, aber ich muss“ oder einfach nur „Ja“ in verschiedenen Variationen. Ich musste wirklich so oft den Rettungskräften erklären, dass es mir gut geht, dass ich schon genervt war, wenn das nächste Boot kam. Und die Boote standen ca. alle 10 Meter. Bei 2 km immerhin 20 Boote. Glücklich war ich als ich die erste Brücke von unten sah. Ich wusste, dass wir unter insgesamt vier Brücken durchschwammen. Dass ich alle diese Brücken intensiv mit meinem nach oben gerichteten Blick begutachten würde, war mir da noch nicht bewusst. Hustend quälte ich mich also weiter. Meinen Neo hatte ich mittlerweile ein Stück am Rücken aufgezogen damit der Druck am Hals nachließ, aber auch weiterhin war an Brustschwimmen nicht zu denken. Ein Helfer bewarb sich bei mir um eine Abkühlung. Er sagte zu mir, dass sieht aus als ich das Schwimmen genießen würde, so wie ich durchs Wasser paddelte. Ich konnte mich gerade noch beherrschen ihn für seine motivierenden Worte ins Wasser zu ziehen.
Dann kann die 1.500 Meter-Marke. Da wusste ich, die Halbzeit war geschafft. Jetzt aufgeben, wäre zu spät. Ich musste weiter. Neben all den Nachteilen, die mein außergewöhnlicher Schwimmstil hatte, hatte es auch einen Vorteil. Ich hatte einen beeindruckenden Ausblick auf die Schwimmer, die mich überholten. Ich blickte ihnen direkt entgegen, wenn sie langsam oder auch schnell näher kamen. Manche schauten mich völlig irritiert an als ob sie auf der Autobahn einer Geisterfahrerin begegneten. Als Geisterschwimmerin, die nicht in Schwimmrichtung blickte, mussten die aufschließenden Schwimmer konnte ich somit allen ständig beim Schwimmen zuschauen. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Manche waren besorgt und fragten mich, ob ich Hilfe brauche. Andere schwammen genervt an mir vorbei oder reaktionslos.

Nur zwei Männer, einer mit einer Badekappe aus meiner Gruppe und einer mit der Farbe der zuvor gestarteten Gruppe blieben immer hinter mir. Ich entwickelte den Ehrgeiz, dass ich wenigstens schneller blieb als diese zwei. Wir näherten uns dem zweiten Kilometer-Tor. An diesem Punkt lernte ich, dass ich mich lieber einmal mehr umdrehen sollte als zu wenig, denn statt durch das 2 km-Tor schwamm ich ungebremst gegen eines der Holzflosse, auf denen die Durchgangsmarke befestigt war. Ich konnte es ja nicht sehen. Dann kam die Kurve zum letzten Kilometer bis zum Ziel. Aus dem Boot reichte ein Helfer Zuckerstückchen. Von diesem Punkt an schwamm ich an dem 1 km langen Schwimmsteg entlang, der in dem Streckenabschnitt, der in dem Fluss Västerdalälven liegt, ununterbrochen installiert wurde. Hier stand alle 5-10 Meter eine Helferin bzw. ein Helfer. Ich stellte mich auf viele Gespräche ein, ob es mir gut ginge und ob ich nicht lieber pausieren wolle.
Meine Erwartung wurde schnell erfüllt. Man bot mir an, ich solle mich doch zum „Aushusten“ am Steg Pause machen, woraufhin ich erklärte, dass ich dann auch noch abends dort pausieren würde. Die Helfer vermuteten, dass ich Wasser verschluckt hätte und aus diesem Grund husten müsse, doch das war nicht der Fall. Die Kälte, der Druck des Neoprenanzugs oder eine Kombination aus vielen Faktoren hielt ich für die wahrscheinlichsten Ursachen. Egal wie ich mich drehte und wendete, der Husten blieb mir erhalten. Teilnehmer fragten mich, ob ich schon die ganze Strecke so schwimme und reagierten mit einer Mischung aus Respekt und Verwunderung. Plötzlich fühlte ich Beine in meinem Rücken. Da schwamm noch jemand so nah am Steg und offenbar noch langsamer als ich. Ich musste überholen. Wow. Meine kurzzeitige Euphorie ebbte jedoch schnell wieder ab. Es war ein Mitschwimmer, der sich am Steg festhielt und eine Pause brauchte. Pausierende Schwimmer zu überholen, war jetzt nicht unbedingt die Überleistung. Ein älterer Mann mit blauen Lippen, der sich Richtung Ziel quälte. Ich sah ihn später im Zielbereich mit einer Finishermedaille wieder.
Ich passierte eine Frau mit Krampf, die auf dem Steg lag. Ich spürte ebenfalls erste Anzeichen von Krämpfen. Meine linke Wade fing an sich zunehmend zu verkrampfen. Ich nahm nochmal ein wenig Kraft aus meinen Bewegungen und reduzierte meine Geschwindigkeit. Es waren nur noch 450 m. Jetzt wollte ich nicht mehr aufhören müssen. Ich konzentrierte mich auf die Brücken die vor bzw. über mir lagen und auf die Atmung. Der blaue Himmel über mir wirkte beruhigend. Ein paar Wolken zogen schwerelos vorbei. Neben aufkommenden Krämpfen empfand ich nun auch ein leichtes Schwindelgefühl. Hatte ich zu wenig gegessen?
Mein Kopf und meine Ohren wurden immer kälter, doch ich kämpfte mich von 400 m zu 300 m zu 200 m meinem Gefühl nach erstaunlich schnell vorwärts. Ich war durch die ganze Action um mich herum abgelenkt. Die 100 m Marke lag neben mir. Ich konnte die Hängebrücke, die 300 m vor dem Ziel lag schon in einiger Entfernung wahrnehmen. Es konne nicht mehr weit sein. Ich hörte den Moderator durch die Lautsprecher und die vielen Zuschauer klatschend im Zielbereich die Schwimmer anfeuern. Ich kämpfte nochmal kurz mit plötzlicher Übelkeit und schwamm fast gegen die Anschlagklappe, an der ich das Ende meiner Odyssee erreicht haben sollte.

Eine gute halbe Stunde war vergangen und die Zahl der Badekappen aus unserer Startgruppe, die aus dem Wasser stieg war stark reduziert. Es dominierten die Farben der folgenden Startgruppen. Nervös durch die gezeichneten Teilnehmer wurde ich langsam ungeduldig, obwohl wir eine Zielzeit von ca. 2 Stunden für meine Frau kalkuliert hatten. Das Handy in Bereitschaft wartete ich auf ihre Landung. In der Entfernung konnte ich ein paar Minuten später eine auf dem Rücken schwimmende Teilnehmerin beobachten, die sich am Rand gemütlich ihren Weg Richtung Ziellinie bahnte. Als sie näher kommt, erkenne ich, dass es meine Frau ist, die in ihrer Spezialwertung "Käferstil" den Spitzenplatz anvisiert. Mangels weiterer Teilnehmer in diesem Schwimmstil war ihr der Sieg in dieser Wertung nicht zu nehmen. Beruhigt sie zu sichten, bewege ich mich Richtung Ausstieg. Blass und erschöpft steigt sie aus dem Wasser und nehme ich sie in Empfang, stütze sie bis zur Treppe, wo es einige Minuten dauert bis die Gesichtsfarbe zurückkehrt. Zum Glück befanden sich Geländer an den Ausstiegen, sonst wäre sie gar nicht aus dem Wasser gekommen. Sie will nur noch sitzen, einfach nur sitzen. Sie zog die Badekappe aus und ich öffnete ihr den Neoprenanzug, um ein einfacheres Atmen zu ermöglichen. Maßnahmen, die schnell Wunder wirken. Eine Helferin reicht ihr ein Stück Traubenzucker, um schnell den Zuckerspiegel auf ein Normalniveau zurückzuführen. Geschafft. Ein hartes Stück Arbeit für sie, doch wir kommen mit diesem Teilziel dem Gesamterfolg einen Schritt näher. Darüber hinaus hat meine Frau mit einer Schwimmzeit von 1:36 h die eigene Erwartungshaltung bei weitem übertroffen.
Wir genossen unseren Erfolg beim Teilnehmeressen, kehrten zum Auto zurück und traten die Rückreise an. Wir hatten allen Widrigkeiten getrotzt und die sportliche Herausforderung gemeistert, trotz Kälte, Wind und Strömung. Wir waren stolz.
Wir hatten uns vorgenommen noch bis Göteborg zu fahren und reservierten im Laufe der Fahrt ein tolles Hotel, das sich auf einem Schiff im Göteborger Hafen eingerichtet hatte. Ein ganz tolles Erlebnis.

Montag, den 08.07.2013 - Rückreise

Unauffällig bahnten wir uns die letzten knapp 800 km in Richtung Heimat. Wir ließen unsere Erlebnisse der vergangenen Tage während der Fahrt immer wieder rekapitulieren. Auf der Rückbank stapelten sich unsere beiden Urkunden vom Vansbrosimningen und um unseren Hals hingen die Finishermedaillen. Glücklich einen weiteren Schritt auf unserem Weg zum Svenk klassiker geschafft zu haben kehrten wir zurück und arbeiten auf unser abschließendes Event im September hin. 30 km Crosslaufen wird eine besondere Herausforderung. Laufen löst bei mir keine Endorphinschwämme aus und die Anstrengung bei diesem Lauf wird als größer als bei einem Marathonlauf beschrieben. Hervorragende Aussichten um ein weiteres Mal die eigene Komfortzone zu verlassen und über sich selbst hinauszuwachsen.

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